Spiritualität / Menschenbild

Ein vielfach verwendetes Motto in der Gestalttherapie lautet: „Ich gestalte mein Leben“. Das sehe ich nicht uneingeschränkt so. Zunächst einmal gestaltet das Leben ja uns. Das fängt an bei unserem Körper, gilt aber, bei genauerem Hinsehen, ebenso für unser Verhalten, unser emotionales Erleben, unsere Denkgewohnheiten und Wertvorstellungen. All dies entspringt zunächst den Prägungen, die wir aus unserem Herkunftssystem und dem kollektiven Umfeld erfahren haben. Daraus resultieren unser Selbstbild und wie wir die Welt erleben, wie tief wir uns im Leben geborgen fühlen und unser Selbstverständnis zu Sein.

Wurde dieses Selbstverständnis gestört, indem wir in Vorstellungen von Richtig und Falsch, Heilig und Profan, Erwünscht und Unerwünscht, Lob und Tadel, hinein erzogen,  oder aber durch traumatische Erlebnisse aus unserem angeborenen Urvertrauen herausgerissen wurden, streben wir nach dem einen und meiden das andere. Wir bleiben immerzu auf der Suche und sehnen uns nach einem Idealzustand von uns und der Welt.

Werden diese tief im Unbewussten verborgenen Prägungen durchschaut und die damit verbundenen Gefühle von Schuld und Scham mit den dazu gehörigen Glaubenssätzen auf körperlich-sinnlicher Ebene gelöst, wird jegliche Identifikation als Schwindel entlarvt, Es bleibt dann nichts mehr, woran wir uns festhalten könnten, keine Vorstellungen und vermeintliches Wissen mehr, auf welches wir uns beziehen könnten, kein fester Grund mehr, der Beständigkeit vortäuschen könnte..

Ob dieser „Absturz“ als totale Vernichtung oder aber Befreiung erlebt wird, hängt viel mit dem Zustand unseres Nervensystems zusammen. Im ersten Fall bewirkt die Anspannung aus vergangenen Traumata eine erneute Überwältigung. Je mehr aber unser Organismus lernt,  in seinen natürlichen und entspannten Zustand (zurück) zu gleiten, kann Kontrolle los gelassen werden zu Gunsten der Freude und dem Staunen darüber, dass Ungewissheit trägt und Leben geschieht. Nur das Ich, unsere erlernte Identifikation, fürchtet  den Tod. Jedoch unsere Zellen sterben dauernd, neue entstehen, alles ist im Wandel. Auf dieser Ebene wirken zwar die Überlebenskräfte, doch gibt es kein Anhaften, keine Angst, keine Wertung, nichts zu erreichen, nichts zu verlieren nur pulsierende Lebendigkeit.